Grundsätze der Arbeit des BSVS zur Sicherung der Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben in Sachsen

  • Vorbemerkung
  • I. Blinde und sehbehinderte Menschen in Sachsen
  • II. Konsequenzen aus gesellschaftlichen Entwicklungen
  • III. Bildung und berufliche Eingliederung
  • IV. Umwelt und Verkehr
  • V. Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte – Mobilität und Führhunde
  • VI. Barrierefreier Zugang zu allen Medien und zu Kultur
  • Schlussbemerkung

  • Vorbemerkung


    Mit den vorliegenden Grundsätzen möchte der BSVS seine Ziele und Aufgaben unter den sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen

      • den blinden und sehbehinderten Menschen im Freistaat Sachsen
      • den Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft
      • der interessierten Öffentlichkeit und
      • insbesondere seinen Freunden und Förderern

    vorstellen.


    Er verbindet damit die Erwartung, dass seine auf die Beratung, Begleitung und Unterstützung blinder und sehbehinderter Menschen gerichtete Tätigkeit allseits die unbedingt notwendige Akzeptanz und Förderung erhalten wird.
    Mit diesen Grundsätzen stellen wir uns als Selbsthilfeorganisation gemeinsam den Herausforderungen der Zukunft und geben Orientierung für ein gemeinsames Handeln aller Mitglieder, Förderer und Partner des BSVS.


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  • I. Blinde und sehbehinderte Menschen in Sachsen


    Unsere Welt ist eine Welt der Sehenden. Die absolute Mehrheit der Menschen nimmt ihre Informationen vorrangig über das Auge, also visuell auf. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dies mittlerweile ca. 80 Prozent aller Informationen betrifft. Kein anderes Wahrnehmungsorgan hat – bezogen auf seine Grundfunktion – eine derartige Leistungsfähigkeit.


    “Man sieht nur mit dem Herzen gut“ erklärte der kleine Prinz in dem gleichnamigen Kinderbuch des berühmten französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupery.
    Die subjektive Wahrnehmung ist oft eine andere. Können wir die Dinge sehen – so die herkömmliche Ansicht – können wir sie auch begreifen. Unsere Sprache folgt dem: Sich von seiner Umgebung „ein Bild“ machen, Entwicklungen „im Blick“ behalten, die Dinge in „Augenschein“ nehmen, der Gefahr „ins Auge blicken“ u.ä.


    Wie geht es aber nun den Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht sehen können oder deren Sehvermögen so eingeschränkt ist, dass sie ihre Umwelt nur sehr begrenzt wahrnehmen können.


    Dieser Personenkreis umfasst in Sachsen immerhin ca. 6.000 blinde, ca. 4.000 hochgradig sehbehinderte und ca. 14.200 sehbehinderte Menschen, die als schwerbehindert gelten. Die Zahl derer, die an einer bedrohlichen Augenerkrankung leiden und deren Sehvermögen sich kontinuierlich verschlechtert ist bei dieser Aufstellung noch nicht berücksichtigt. Es ist davon auszugehen, dass es insgesamt ca. 36.000 Menschen mit Sehbehinderung in Sachsen gibt, deren Zahl im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung der Bevölkerung in den nächsten Jahren dramatisch zunehmen wird.


    Jährlich erblinden in unserem Bundesland viele Bürgerinnen und Bürger, überwiegend ältere Menschen. Der völlige oder teilweise Verlust des Sehvermögens führt in erster Linie zu gravierenden Benachteiligungen

      • bei der Information;
      • in der Mobilität und
      • bei der Kommunikation.

    Die Sorge, nicht mehr gebraucht zu werden, der Verlust gesellschaftlichen Ansehens und die Gefahr der Vereinsamung werden zusätzlich als Ausgrenzung erlebt. Hinzu kommt oft die seelische Belastung der Betroffenen und der mit ihnen verbundenen Menschen.


    Der BSVS ist Selbsthilfeorganisation, Solidargemeinschaft und Interessenvertretung dieses Personenkreises, seiner Angehörigen und Freunde.



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  • II. Konsequenzen aus gesellschaftlichen Entwicklungen


    Die ungehinderte Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen am politischen und gesellschaftlichen Leben und der Abbau vorhandener Barrieren ist nach Satzung und Selbstverständnis die alles bestimmende Aufgabe des BSVS.


    Die Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen ist die konsequente Folgerung aus dem Benachteiligungsverbot in Art. 3 Abs. 3 Satz 2 Grundgesetz („Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."); dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). Dem Gesetz zur Verbesserung der Integration von Menschen mit Behinderungen im Freistaat Sachsen (Sächsisches Integrationsgesetz – SächsIntegrG) und aus der in 2009 von Deutschland ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention (BRK).


    Der BSVS macht nachdrücklich darauf aufmerksam, dass ausgehend von der aktuellen Gesetzeslage alles unternommen werden muss, um die dort getroffenen Festlegungen durch entsprechende Rechtsverordnungen bzw. Verwaltungsvorschriften schnellstmöglich und umfassend zu verwirklichen. Der BSVS wird sich mit seinen Möglichkeiten besonders aktiv an der sukzessiven Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Freistaat Sachsen beteiligen.


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  • 1. UN-Behindertenrechtskonvention (BRK)


    Die Grundsätze der UN-Behindertenrechtskonvention sind im Einzelnen:

      • die Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde seiner individuellen Autonomie, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Unabhängigkeit im Sinne von Selbstbestimmung;
      • die Nichtdiskriminierung;
      • die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft (soziale Inklusion);
      • die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit;
      • die Chancengleichheit;
      • die Zugänglichkeit;
      • die Gleichberechtigung von Mann und Frau;
      • die Achtung vor den sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern mit Behinderungen und die Achtung ihres Rechts auf Wahrung ihrer Identität, also die Berücksichtigung des Kindeswohls.

    Die für blinde und sehbehinderte Menschen entscheidenden Bereiche sind insbesondere: Zugänglichkeit, Information und Kommunikation, Chancengleichheit in allen gesellschaftlichen Bereichen, Nichtdiskriminierung und die volle und wirksame Teilhabe betroffener Menschen allen Alters an der Gesellschaft.
    Hier fordert der BSVS die Landesregierung auf, in intensiver Zusammenarbeit mit bestehenden Kompetenzträgern im Freistaat Sachsen an der schrittweisen Umsetzung der genannten Gesetze und der BRK zu arbeiten und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Der BSVS fordert weiterhin die Landesregierung des Freistaates Sachsen auf, die UN-Behindertenrechtskonvention umgehend und unter Einbeziehung der Kompetenz der Betroffenenverbände in der Landesgesetzgebung zu realisieren. Hierbei weist der BSVS ausdrücklich auf eine notwendige Reform des Sächsischen Integrationsgesetzes hin.


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  • 2. Landesblindengeld


    Das Landesblindengeld ist unverzichtbar als ein annähernder Ausgleich für den blindheitsbedingten Mehraufwand betroffener Menschen. Es darf keinerlei Sparzwängen geopfert werden. So haben die Mitglieder des BSVS in den letzten Jahren andere Landesverbände des DBSV im Kampf um den Erhalt ihres Landesblindengeldes aktiv unterstützt und werden allen Betroffenengruppen auch weiterhin Solidarität und Unterstützung zukommen lassen.

    Obwohl die Nachteilsausgleiche im Koalitionsvertrag von 2009 zwischen CDU und FDP auf Landesebene festgeschrieben sind („Wir bekennen uns zum Landesblindengeld und werden es beibehalten.“), muss der BSVS heute wie auch in der Zukunft das Gespräch mit dem Sächsischen Landtag, der Sächsischen Staatsregierung und mit den Abgeordneten der einzelnen Landtagsfraktionen suchen und führen, um den tatsächlich vorhandenen blindheitsbedingten Mehraufwand und die damit verbundene Notwendigkeit der Nachteilsausgleiche zu verdeutlichen.


    Der BSVS erwartet vom Sächsischen Landtag und von der Sächsischen Staatsregierung nach wie vor:


      • das Landesblindengeld zu dynamisieren und seine Höhe an der Blindenhilfe nach § 72 SGB XII zu orientieren;

      • den Nachteilsausgleich für hochgradig sehbehinderte Menschen auf ein Drittel des Landesblindengeldes anzuheben und die Visusgrenze von einem Zwanzigstel auf drei Zehntel zu erweitern;

      • für Kinder unter Berücksichtigung dessen, dass für sie durch die Eltern von Beginn an zusätzliche behinderungsbedingte Leistungen erbracht werden müssen, das volle Blindengeld zu zahlen;

      • Leistungen nach dem Pflegeversicherungsgesetz nicht auf das Landesblindengeld und den Nachteilsausgleich für sehbehinderte Menschen anzurechnen.

    Wir unterstützen in diesem Zusammenhang nochmals nachdrücklich die Forderungen anderer Betroffenengruppen nach einem finanziellen Ausgleich ihres behinderungsbedingten Mehraufwandes.


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  • 3. Rehabilitation zur Bewältigung des Alltags (RBA)


    Der Verband verweist auf die fundamentale Bedeutung der RBA insbesondere für neuerblindete jüngere wie auch ältere Menschen. Er wirkt im Rahmen seiner Möglichkeiten und mit seiner spezifischen Kompetenz aktiv an der Umsetzung des SGB IX mit.


    Dies bezieht sich insbesondere auf:


      • die Aktivitäten gegenüber den Kostenträgern der Rehabilitation, um zu erreichen, dass wesentliche Teile der RBA, insbesondere die Vermittlung lebenspraktischer Fähigkeiten (LPF), als Bestandteil der medizinischen Rehabilitation anerkannt werden;
      • auf die Bemühungen, für diese Tätigkeit kompetente Leistungserbringer zu gewinnen;
      • auf die Anstrengungen, insgesamt einen Rechtsanspruch auf eine einkommens- und vermögensunabhängige Übernahme der Kosten für die RBA, unabhängig vom Alter und von der Ursache der Erblindung durchzusetzen.

    Hierbei weist der BSVS insbesondere auch auf die Verantwortung von Rehabilitations- und Integrationslehrer/innen im Einsatz für die Selbsthilfe und Selbsttätigkeit blinder und sehbehinderter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener im Bildungs- und Berufs- und Weiterbildungsprozess als auch auf das nötige gemeinsame Engagement für eine uneingeschränkte und selbstbestimmte Teilhabe Betroffener und die dafür nötigen personellen Ressourcen in Bildungssystemen hin. Der BSVS setzt sich hier für eine konstruktive Zusammenarbeit, insbesondere im Bereich der Forschung und Lehre ein.


    Darüber hinaus setzt der Verband seine umfangreiche traditionelle Selbsthilfearbeit auf diesem Gebiet landesweit, in den Landkreisen und kreisfreien Städten mit erhöhten Anstrengungen fort (Kurse im Erlernen der Blindenschrift, Begleitung und Unterstützung Betroffener durch Betroffene, Weiterentwicklung der sozialen Kompetenz u. a.).


    Ein wichtiges Schwerpunktthema im Rahmen der Rehabilitation zur Bewältigung des Alltags ist die Hilfe zur Selbsthilfe und Teilhabe von Augenpatienten und neu erblindeter Menschen. Hier setzt sich der BSVS intensiv für Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten als auch für die umfassende Beratung für diesen Personenkreis ein. Es sind hier vor allem ältere Menschen betroffen, denen die nötige Hilfe zur Bewältigung der Behinderung über spezielle Leistungserbringer und Rehabilitationsträger oftmals versagt bleiben.


    Der Verband wird seine Anstrengungen verstärken, um der größer werdenden Zahl blinder und sehbehinderter Menschen in Senioren- und Pflegeheimen größtmögliche Unterstützung zu gewähren, um im Rahmen der jeweils konkreten Möglichkeiten ihre Eigenbestimmung und Selbstständigkeit zu sichern.


    Der BSVS erbittet tätige Hilfe bei der Förderung taubblinder und hör- sehbehinderter Menschen.
    Die Verbesserung ihrer außergewöhnlich schweren Lebenslage kann nur auf der Grundlage konzentrierter Anstrengungen erreicht werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Verbesserung der Information über behinderungsbedingte Alltagsprobleme, sowie insgesamt die Gewährleistung einer bestmöglichen Kommunikation mit der Umwelt.
    Der BSVS wird mit allen Institutionen, Einrichtungen und Gruppen zusammenarbeiten, die auf diesem Gebiet tätig sind.


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  • 4. Aufbau überörtlicher Fachdienste für Sozialarbeit, Rehabilitation, psychologische Begleitung


    Der BSVS ersucht das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz sowie die überörtlichen Träger der Sozialhilfe, ihm beim Aufbau und der Unterhaltung eines Netzes von ambulanten, sozialen Rehabilitationsdiensten nach dem Beispiel Bayerns zu helfen. Außer durch die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe gibt es für blinde und sehbehinderte Menschen kaum fach- und sachkundige Beratung in allen die Blindheit und Sehbehinderung betreffenden Angelegenheiten. Dabei ist es dringend erforderlich, dass die Selbsthilfe, insbesondere der BSVS, sich auf seine Kompetenzen besinnt und sich aktiv an diesen Prozessen beteiligt. Nur gemeinsam kann eine optimale Beratung und Versorgung für die Betroffenen gewährleistet werden.


    Aufgabe dieser Dienste sollte es zugleich sein, die Information und Beratung sehbehinderter Menschen (z. B. Low Vision) und Menschen mit bedrohlichen Augenerkrankungen in Zusammenarbeit mit Augenärzten, Optikern und deren Berufsvereinigungen sowie weiteren Fachleuten zu gewährleisten.


    Der BSVS wird seine Anstrengungen gegenüber dem Sozialministerium, den Krankenkassen und weiteren zuständigen Behörden verstärken, die Errichtung von „Beratungsstellen für sehbehinderte Menschen“ an verschiedenen Standorten, so u. a. an sächsischen Augenkliniken zu unterstützen.


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  • III. Bildung und berufliche Eingliederung


    1. Kindertageseinrichtungen und Schulen


    Der BSVS erklärt seine Bereitschaft, gemeinsam mit den Blinden- und Sehbehindertenpädagogen/innen und den zuständigen staatlichen Institutionen sowie wissenschaftlichen Einrichtungen angesichts grundlegender gesellschaftlicher, sozialer, wissenschaftlicher und technischer Wandlungen über neue, inklusive Bildungsangebote mit adäquaten pädagogischen Schwerpunkten und Angeboten zu beraten.
    Entsprechend barrierefrei und personell ausgestattete Kindertageseinrichtungen, Schulen, inklusive Erziehung und Beschulung müssen ständige Institutionen der Bildung blinder und sehbehinderter und aller anderen Schülerinnen und Schüler sein. Inklusive Erziehung, Bildung und Beschulung setzen jedoch die umfassende Gewährleistung ständiger, notwendiger blinden- und sehbehindertenspezifischer Begleitung voraus. Hierfür wird sich der BSVS bei Umstrukturierungen des Bildungssystems hin zu inklusiven Strukturen einsetzen.

    Erhöhte Aufmerksamkeit muss jenen Kindern und Jugendlichen geschenkt werden, die zur Blindheit oder Sehbehinderung weitere Behinderungen haben.
    Die Eltern blinder und sehbehinderter Kinder und blinde oder sehbehinderte Mütter und Väter mit Kindern bedürfen ebenfalls besonderer Unterstützungsangebote, so dass Inklusion gelingen kann.


    Der BSVS wird sich dafür einsetzen, dass die hier auftretenden spezifischen Probleme noch umfassender und genauer thematisiert und alle für Lösungen in Frage kommenden Stellen mobilisiert werden. Er fordert alle, die im Gesamtprozess der Bildung und Erziehung blinder und sehbehinderter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener Verantwortung tragen, auf, der Vermittlung der Braille-Schrift für den notwendigen Schreib- und Leseerwerb sowie der Befähigung zur größtmöglichen Mobilität und Selbstständigkeit weitaus größere Aufmerksamkeit zu schenken.


    Im Zusammenhang mit der Forderung nach einem inklusiven Schulsystem vertritt der BSVS die Grundeinstellung, dass in einer nach dem Inklusionsprinzip gestalteten Welt auf Integration vorerst nicht verzichtet werden kann, wenn selbstbestimmte Teilhabe gelingen soll. Die Möglichkeit zur Wahl der richtigen Bildungseinrichtung für das Kind/ den Jugendlichen muss Eltern und Angehörigen gegeben sein, um größtmögliche individuelle Bildungsqualität zu ermöglichen.
    Teilhabe erfordert Inklusion und Integration durch Rehabilitation und Ausgleichsleistungen. Inklusion und Integration sind keine Gegensätze sondern bedingen sich in einem dynamischen und dialektischen Prozess.
    Der BSVS fordert in diesem Sinne den Freistaat Sachsen auf, sich zu seinen gesetzlich verankerten Pflichten zu bekennen. Der BSVS fordert gemeinsam mit kooperierenden Bildungseinrichtungen und Verbänden die entsprechenden Rahmenbedingungen für die Aus- und Weiterbildung und Qualifizierung von Pädagoginnen und Pädagogen ein, um inklusive Erziehung und Bildung langfristig auf hohem Niveau zu ermöglichen.
    Inklusive Erziehung und Bildung benötigt im Weiteren die Garantie einer bedarfsgerechten kontinuierlichen und qualifizierten Beratung und Unterstützung blinder und sehbehinderter Kinder, Schülerinnen und Schüler, ihrer Angehörigen und die Bereitstellung entsprechend qualifizierter Pädagoginnen und Pädagogen an Kindertageseinrichtungen, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.


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  • 2. Berufsausbildung und Teilhabe am Arbeitsleben


    Die berufliche Tätigkeit ist ein Grundbedürfnis aller Menschen. Seine Befriedigung ist für blinde und sehbehinderte Menschen besonders wichtig, da es hierbei nicht allein um einen Beitrag zum Lebensunterhalt geht, sondern um ein unverzichtbares Element der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.


    Der Verband tritt angesichts der rasanten Weiterentwicklung der Kommunikationstechnik sowie der strukturellen Wandlungen in Industrie, Handwerk, im Dienstleistungsbereich und Verwaltung dafür ein, dass die Regelungen des SGB IX auch auf diesem Gebiet strikt durchgesetzt werden. Dazu gehört, dass in diesem Prozess der Sachverstand der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe sowie der Betroffenen selbst umfassender genutzt wird.
    Weiterhin setzt sich der BSVS intensiv für eine Verbesserung des barrierefreien Zugangs zu Bildungsangeboten ein, um ein größtmögliches Maß an Wahlfreiheit und Chancengleichheit für Betroffene zu erreichen.


    Mit der Unterstützung aktueller Programme zur Wiedereingliederung schwerbehinderter Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt soll die berufliche Integration/ Inklusion Betroffener gezielt vorangetrieben werden. Zugleich werden die Bundesagentur für Arbeit und die örtliche ARGE bzw. Fachämter in Kommunen bei der Durchführung ihrer gesetzlichen Aufgaben im Rahmen der beruflichen Integration/ Inklusion von Menschen mit Behinderung mit den Kompetenzen der Selbsthilfe unterstützt.

    Der BSVS unterstützt hierbei insbesondere die berufliche Eingliederung von blinden und sehbehinderten Menschen im Sinne von Inklusion und nach dem Prinzip der Chancengleichheit und der Schaffung und Förderung barrierefreier Arbeitsmöglichkeiten und Tätigkeitsbereiche außerhalb von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Betroffenen Jugendlichen und Erwachsenen müssen chancengleich alle Möglichkeiten zur Aus-, Fort- und Weiterbildung offen stehen.

    Hierbei ist die Zusammenarbeit und das Beratungs- und Unterstützungsangebot für Integrationsämter und Integrationsfachdienste von großer Bedeutung.


    Es geht insgesamt um die qualitative Weiterentwicklung der beruflichen Erstausbildung und Umschulung, der beruflichen Fort- und Weiterbildung sowie um die Findung neuer Berufsmöglichkeiten - vorrangig im so genannten ersten Arbeitsmarkt. Dabei ist die Schaffung, Einrichtung und Gestaltung barrierefreier Arbeitsplätze und die Bereitstellung notwendiger Assistenzen und Hilfsmittel von maßgeblicher Bedeutung.


    Erhöhte Anstrengungen müssen nach wie vor unternommen werden, um für blinde und sehbehinderte Menschen, die zusätzlich eine physische oder psychische Behinderung haben, Arbeitsplätze außerhalb von Werkstätten für Behinderte zu finden und auch hier entsprechende individuell erforderliche Assistenzen und Hilfsmittel zu gewährleisten.

    Sehbehinderten Menschen ohne einen ausgewiesenen Grad der Behinderung fällt es zunehmend schwerer, eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit zu finden. Die besonderen Probleme dieses Personenkreises bedürfen nach wie vor genauerer Analysen und spezieller Lösungen, für die sich der BSVS einsetzen wird.


    Rehabilitations- und Fördermaßnahmen müssen unter diesen Gesichtspunkten neu überdacht und zugleich neue Tätigkeitsfelder erschlossen werden.
    Die Gründung und Unterhaltung von Beschäftigungsgesellschaften, Integrations- und Selbsthilfefirmen sollten in all diese Überlegungen einbezogen werden.


    Die besondere Verantwortung des Sächsischen Förderzentrums für Blinde und Sehbehinderte (SFZ) in Chemnitz und des Berufsförderungswerkes für Blinde und Sehbehinderte in Halle für die Erfüllung der hier skizzierten Aufgaben ist unbestritten. Der Zusammenarbeit mit diesen Einrichtungen, insbesondere im Rahmen des gemeinsamen Fachausschusses „Bildung und berufliche Eingliederung blinder und sehbehinderter Menschen in Sachsen“, wird nach wie vor große Bedeutung beigemessen.


    Der BSVS wird sich auch in Zukunft dafür einsetzen, dass die spezifischen Probleme Arbeit suchender blinder und sehbehinderter Menschen die erforderliche Beachtung finden. Regelmäßig sollte über konkrete Schritte beraten werden, wie die Chancen auf eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben verbessert werden können.


    Die Öffentlichkeitsarbeit hinsichtlich der Fähigkeiten und Fertigkeiten blinder und sehbehinderter Menschen in den unterschiedlichsten Berufen und in der Arbeitswelt insgesamt muss weiter an gesetzliche Rahmenbedingungen angepasst werden. Der öffentliche Dienst muss seiner besonderen Verantwortung für die Beschäftigung behinderter Menschen weitaus besser gerecht werden.


    Der BSVS unterstützt aktiv das Wirken von Blindenhandwerksbetrieben und wird auch weiterhin eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Blindenhandwerk, sofern es sich um gemeinnützige Einrichtungen handelt, und der Blindenselbsthilfe sichern.
    Er fordert alle staatlichen Einrichtungen auf, die Arbeit dieser Betriebe durch entsprechende Aufträge und die Nutzung aller Fördermöglichkeiten zu unterstützen.


    Die Lösung der vorgenannten Aufgaben verlangt eine enge Netzwerkarbeit der Blindenselbsthilfe mit dem SFZ, dem Berufsförderungswerk, den auf diesen Gebieten tätigen wissenschaftlichen Einrichtungen des Freistaates, den Arbeitsagenturen, den Integrationsämtern, den Integrations-fachdiensten, den Arbeitgeberverbänden, den Industrie- und Handelskammern, den Handwerkskammern und nicht zuletzt mit den Gewerkschaften.


    Des Weiteren bedarf die langfristige Entwicklung des Arbeitsmarktes für blinde und sehbehinderte Menschen in Sachsen, insbesondere in den Bereichen Industrie und Handwerk sowie Verwaltung, Dienstleistung und Handel, einer detaillierten und auf die Praxis orientierten wissenschaftlichen Untersuchung.


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  • IV. Umwelt und Verkehr


    Der BSVS fordert die zuständigen Behörden auf, die Anwendung der Normen für die Bereiche „Behindertengerechter öffentlicher Verkehrsraum“, „Zusatzeinrichtungen für blinde und sehbehinderte Menschen an Lichtsignalanlagen“, „Taktile Bodenindikatoren für blinde und sehbehinderte Menschen“ und das Projekt „Kontrastoptimierung für sehbehinderte Menschen" auf den konkreten Bedarf in Sachsen anzupassen und somit Barrierefreiheit für blinde und sehbehinderte Menschen zu gewährleisten.
    Dazu wird die Forderung aufrechterhalten, die in den DIN-Vorschriften enthaltenen Vorschriften jeweils im Landesrecht zu übernehmen, um Gesetzeslücken zu schließen und eine größere Rechtsverbindlichkeit zu erhalten.


    Die Belange von Menschen mit Behinderung und die spezifischen Interessen blinder und sehbehinderter Menschen müssen bei der Gestaltung des öffentlichen Personennahverkehrs sowie der Bauvorschriften für Verkehrsmittel und -anlagen insbesondere durch folgende Maßnahmen Berücksichtigung finden:


      • Einrichtung möglichst einheitlicher Tonsignalgeber für Verkehrsampeln an Kreuzungen und schwierigen Straßen;

      • Ausreichende Kontraste als Orientierung im öffentlichen Verkehrsraum

      • Haltestellenansagen und gut lesbare, kontrastreiche Beschriftung sowie akustische Ansagen in und an allen Fahrzeugen des Personennahverkehrs durch die Einführung des Blinden-Leit-Bund-Informations-Systems (BLIS);

      • gute Beleuchtung, gut sichtbare Kennzeichnung von Stufen und deutlich lesbare Hinweise in allen öffentlichen Gebäuden und im öffentlichen Verkehrsraum;

      • mehr Sicherheit an Baustellen, auf Gehwegen, Straßen und Plätzen;

      • die prinzipielle tastbare Trennung von Rad- und Gehwegen sowohl im Interesse blinder und sehbehinderter Menschen als auch der Radfahrer.

    Hierbei ist die Zusammenarbeit der entsprechend eingerichteten Arbeitskreise ÖPNV für alle etc. von großer Bedeutung. Weiterhin muss ein kontinuierlicher Austausch zwischen Selbsthilfefachgruppen und Verkehrsunternehmen (z.B. Deutsche Bahn oder kommunale Verkehrsbetriebe) stattfinden. Beispielsweise wird sich der BSVS weiterhin aktiv in die Schulungen von Personal und in die Planung von kommunalen Umstrukturierungen in Umwelt und Verkehr mit seiner Kompetenz einbringen.


    Gemeinsam mit den in der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen e.V. (LAG SH) zusammengeschlossenen Selbsthilfegruppen und -organisationen verlangt der BSVS, seine Forderungen in der Phase der Vorbereitung grundsätzlicher Entscheidungen einbringen zu können, um nicht vor vollendete und nicht reparable Tatsachen gestellt zu werden.


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  • V. Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte – Mobilität und Führhunde



    Der BSVS lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf, dass sich in Sachsen mit der Einrichtung Landeshilfsmittelzentrum für blinde und sehbehinderte Menschen des BSVS (LHZ) ein, für die neuen Bundesländer einmaliges Zentrum herausgebildet hat. Diese Einrichtung wird vom BSVS, d.h. direkt von der Selbsthilfe betrieben.
    Die Existenz und die Weiterführung des LHZ erfordern auch zukünftig die tätige Unterstützung der öffentlichen Hand. Der Sächsische Landtag möge seinen Einfluss auf die Stiftung Sächsische Behindertenselbsthilfe „Otto Perl“ dahingehend nutzen, dass auch zukünftig die finanzielle Unterstützung des LHZ seitens der Stiftung weitergeführt wird. Die Einführung, Beratung und Hilfe im Gebrauch der insbesondere für den Alltag blinder und sehbehinderter Menschen bestimmten Hilfsmittel müssen auch zukünftig untrennbarer Bestandteil der Tätigkeit des BSVS sein.


    Der BSVS bittet die Landesverbände der gesetzlichen Krankenkassen, mit ihm gemeinsam dafür zu sorgen, dass die Qualitätskriterien zur Auswahl, Ausbildung und Kostenübernahme von Blindenführhunden auch tatsächlich umgesetzt werden.



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  • VI. Barrierefreier Zugang zu allen Medien und zu Kultur



    Der zunehmende Umfang und die Vielfalt modernster Informationsvermittlung - Internet, Multimedia, Visualisierung, Digitalisierung u. a. - machen es dringend erforderlich, zusätzliche Möglichkeiten zu schaffen, um blinde und sehbehinderte Menschen nicht von den Informationen der Zukunft auszuschließen. Um das zu erreichen, benötigt der BSVS die unbedingte Unterstützung derjenigen, die die Informationen für Sehende produzieren und weiterleiten und die die Verantwortung mit dafür übernehmen müssen, dass sie blinden- und sehbehindertengerecht zur Verfügung gestellt werden.
    Eine Forderung des BSVS ist hierbei die Bereitstellung von Audiodeskription (z.B. Filme, Kino, Theateraufführungen, Opern etc.)
    Für die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe in Sachsen und weit darüber hinaus hat das Wirken der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) als traditionsreiche Bildungs- und Kulturstätte von nationalem und internationalem Rang grundlegende Bedeutung. Hier werden blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen aller Altersgruppen Informationen in der für sie direkt nutzbaren Form zur Verfügung gestellt.


    Wir gehen davon aus, dass die Sächsische Staatsregierung auch zukünftig die Tätigkeit und die Weiterentwicklung der DZB als Staatsbetrieb sichern wird. Der BSVS wird diesen Prozess seinerseits begleiten und erklärt seine uneingeschränkte Bereitschaft, in Beratungsgremien aktiv mitzuwirken.
    Darüber hinaus setzt sich der BSVS gemeinsam mit anderen Selbsthilfeverbänden und mit der DZB intensiv für ein Mitteldeutsches Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit und für eine barrierefreie Zukunft ein.
    Der BSVS erwartet von den Medienorganen eine ausgeprägte behindertengerechte Programmgestaltung.
    Notwendig ist eine stärkere Berücksichtigung der spezifischen Situation sehbehinderter und blinder Menschen.


    Der Verband richtet an alle Medien die dringende Bitte, der besonderen Situation von Menschen mit Behinderungen, insbesondere blinder und sehbehinderter Menschen größere Aufmerksamkeit zu schenken. Regelmäßige Sendezeiten in Funk und Fernsehen, durch uns und mit uns zu gestalten, Beiträge in den wichtigsten Presseerzeugnissen, die kontinuierlich und sachlich über uns und unsere Anliegen informieren - das sind u.a. unsere erklärten Ziele.

    Der BSVS wird sich gemeinsam mit den Landesverbänden in Sachsen-Anhalt und Thüringen gegenüber der Intendanz des MDR dafür einsetzen, dass die Audiodeskription von Kino- und Fernsehfilmen zügig weitergeführt wird. Das schafft die Möglichkeit, stumme Szenen im Film durch erläuternde Texte, welche in den Dialogpausen aufgesprochen werden, zu beschreiben und so für Betroffene zugängig zu machen.


    Der barrierefreie Zugang zu den kulturellen und sportlichen Einrichtungen und Institutionen des Freistaates muss für blinde und sehbehinderte Menschen unbedingt erleichtert oder gar erst ermöglicht werden.


    Dazu gehören unter anderem:


      • für blinde und sehbehinderte Menschen zugängliche Stadtführer nach dem Beispiel von Dresden und Chemnitz, in denen die entsprechenden Einrichtungen erklärt werden;

      • Beschriftungen (in Großdruck, in Braille-Schrift) und Erläuterungen auf Tonträgern und entsprechende Erstellung von Audioguides;

      • Schaffung neuer Möglichkeiten, Kunstwerke zu ertasten – Kunst zum „Begreifen“;

      • taktile Gestaltung von Kunstwerken, um sie blinden und sehbehinderten Menschen zugänglicher zu machen;

      • barrierefreier Zugang zur Kulturlandschaft einschließlich aller dazugehörigen Institutionen Sachsens.

    Der Zirkel „Schreibender im BSVS“, der einzige seiner Art in den neuen Bundesländern, bedarf auch zukünftig entsprechender Förderung. Die Ergebnisse seines Wirkens müssen über die Grenzen des Verbandes hinaus noch stärker publiziert werden.


    Weiterhin setzt sich der BSVS gemeinsam mit anderen Betroffenengruppen dafür ein, dass die Kulturlandschaft in Sachsen im Sinne eines „universal design“ gestaltet wird, um sie allen Menschen zugänglich und erfahrbar zu machen.



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  • Schlussbemerkung



    Die vorliegenden Grundsätze verdeutlichen, wie umfangreich die Bereiche sind, in denen blinde und sehbehinderte Menschen tätig sind und welche notwendigen Rahmenbedingungen sie für ihre eigene schöpferische Arbeit und für das Wirken ihrer Selbsthilfestrukturen benötigen.
    Unsere Partner, Freunde, Förderer und Wegbegleiter sind ihrerseits aufgerufen, uns in unseren Bemühungen um die Sicherung einer umfassenden Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben in unserem Bundesland nach Kräften zu unterstützen.


    Nur dann können wir erfolgreich sein!


    Dresden, den 23.10.2010

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